Was ist mir wirklich wichtig?

Hütte in den Bergen
Bildrechte: Claus Fiedler

Bei einer Wanderung entdeckten wir die Hütte mit der traumhaften Aussicht (Titelblatt). Sie erinnerte meine Frau und mich an die Begeisterung für die „Tiny House“- Bewegung, die uns seit einigen Jahren begleitet. Falls Sie es nicht kennen: Ein „Tiny House“ ist ein kleines Haus auf Rädern, mit einem Grundriss von ungefähr 2,50 m Breite und 5–7 m Länge. In meist einem Raum befindet sich im Erdgeschoss ein Wohnbereich, eine Küchenzeile und ein winziges Bad. Über eine Treppe oder Leiter erreicht man eine Galerie mit Schlafbereich. Die Ursprünge der Tiny-House- Bewegung findet man in den USA, nach der Immobilienkrise.

Oft schauten wir uns in den letzten Jahren Videos von diesen kleinen, aber sehr kreativen Wohneinheiten an, begeistert von der Idee, sich auf das Wesentliche zu verkleinern.

Die Idee half uns vor einem Umzug vor zwei Jahren, bei dem wir Hab und Gut gründlich reduziert haben. Ein Tiny House ist es nicht und Minimalisten sind wir auch nicht geworden. Aber wir haben viele Gegenstände verschenkt und entsorgt. Wir vermissen nichts davon.

Nicht jeder kann sich den Luxus einer solchen Idee leisten. Gibt es doch unzählige Menschen, die sich aus Armut und Not einschränken müssen, auf kleinstem Raum leben und kaum das Nötigste haben. Und die Corona-Krise hat die Gegensätze noch weiter verschärft. Einen Grundstock zum Leben bräuchten alle Menschen. Dieser ur-christliche Gedanke von mehr Gerechtigkeit rückt an Weihnachten jedes Jahr wieder besonders in den Blick.

Auch Patient*innen, die zur Behandlung in ein Krankenzimmer aufgenommen werden, erfahren eine unfreiwillige Reduktion auf ein fremdes Bett, einen Nachtkasten und ein Schrankabteil. Auch sonst sind sie vielfältigen Einschränkungen unterworfen, die Folgen ihrer Erkrankung sind. Manch eine/r denkt über das Leben neu nach. Was ist mir wirklich wichtig? Davon erfahren wir als Klinikseelsorger immer wieder. Besonders schmerzlich für manche Patient*innen (und in unterschiedlicher Weise auch für uns alle) war heuer auch die Einschränkung der Beziehungen zu den Nahestehenden.

Was ist mir wichtig? Uns selbst hat beim Aussortieren – zunächst ganz gegenständlich vor dem Umzug – eine besondere Frage geholfen. Wir stießen im Netz und im Buchhandel auf die sympathische Japanerin Marie Kondo, einer Aufräumspezialistin (Magic Cleaning). Sie regt an, nicht zu fragen „Brauche ich das noch?“, sondern „Does it spark joy?“. Das wird in der deutschen Fassung mit „Macht mich das glücklich?“ übersetzt. Etwas wörtlicher: „Löst das Freudefunken aus?“ Dabei nimmt man jeden einzelnen Gegenstand – nach Möglichkeit – in die Hände und hält ihn vor die Brust. Drückt ihn sozusagen ans Herz. Wenn sich ein Funken Freude einstellt, behalte ich die Sache, ansonsten kommt sie weg. Natürlich gibt es Dinge, die eigentlich keinen Spaß machen, die wir aber trotzdem brauchen. Trotz aller Vernunft hat uns Marie Kondos Frage beim Aussortieren geholfen.

Auch Jesus ist – bildlich gesprochen – in einem Tiny House zur Welt gekommen. Maria „legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ So die berühmte Stelle aus dem Weihnachtsevangelium (Lukas 2,7). Deshalb wird ja dieser Raum meist als Stall oder Höhle dargestellt, wo sonst das Vieh haust.

Wie auch immer: Gott hat sich in Jesus auf das Wesentlichste konzentriert, kommt ganz unten, mitten in der Schöpfung als Kind zur Welt.

Wie in jedem Jahr sind wir besonders an Weihnachten eingeladen, Wesentliches in unserem Leben zu entdecken. Zum Beispiel die Liebe, die ein kleines Kind in uns zu wecken vermag. Denn die Liebe ist das Größte überhaupt (1. Korinther 13,13).

Und: Löst das womöglich einen Funken Freude in mir aus, dass Gott auch für mich in diesem Jesuskind zur Welt gekommen ist?

Nun kann es sein, dass sich dabei keine positiven Gefühle einstellen. Dann ist das eben jetzt gerade so. Auch das ist wichtig, es einfach wahrzunehmen und erst einmal stehen zu lassen. Aber niemals möchte ich IHN wegtun. Um seine Nähe, um Liebe und Freude im Herzen können wir Gott immer bitten.

Ganz besonders brauchen wir das in diesem schlimmen Corona-Jahr. Viele haben es ganz gut überstanden, für andere war es entsetzlich. Manche haben (neu) entdeckt, was ihnen wesentlich ist in ihrem Leben. Andere vermissen Wesentliches, was sie zum Leben brauchen.

Nach biblischer Überzeugung gehört auch die Beziehung zu Gott zu unserem menschlichen Wesen. Ohne IHN fehlt uns Entscheidendes. Wir brauchen IHN. Auch in Gestalt des Kindes kommt er uns nahe. Und wir können ihn immer wieder bitten: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.“ Und: „Dein Heilger Geist uns führ und leit …“ (Ev. Gesangbuch 1,5).

Er ist uns nahe auch im Hinblick auf eine ungewisse und unsichere Zukunft im neuen Jahr.

Bei Redaktionsschluss dieses Gemeindebriefes, im Oktober, wissen wir heuer auch noch nicht, wie unser Weihnachtsfest aussehen wird, angesichts der Pandemie. Die Infektionszahlen steigen wieder drastisch. Wahrscheinlich müssen wir uns mehr in unseren eigenen Räumlichkeiten aufhalten, als in anderen Jahren. Auch in den Weihnachtsgottesdiensten werden wir, trotz

vermehrter Angebote, nur eine begrenzte Anzahl von Plätzen anbieten können. Es könnte auch von staatlicher Seite weitere Einschränkungen geben.

Sie finden in diesem Heft auch einen Vorschlag für eine kleine Liturgie für eine Weihnachtsfeier zuhause, als Alternative für alle Fälle, von Pfarrer Köbler.

Wie auch immer es sein wird, wir wünschen Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit. Dabei viel Kraft für Ihre Aufgaben, die nötige Unterstützung wo Sie sie brauchen, trotz allem Gelegenheiten zur Besinnung darauf, was Ihnen wesentlich ist im Leben, Gesundheit und eine gute Aussicht auf ein besseres Neues Jahr.

Mit herzlichen Grüßen, auch von meiner Frau Kirsten,

[Claus Fiedler, Krankenhauspfarrer]