Angedacht
Tina oder der Ruf zur Buße
Tina ist nicht nur ein Mädchenname. TINA ist die aus den Anfangsbuchstaben der Worte gebildete Abkürzung von „There Is No Alternative“.
Der Satz wird gelegentlich verwendet von Politikern und anderen Persönlichkeiten. Sie unterstreichen damit die Unvermeidbarkeit einer Entscheidung: „Das muss so sein!“ Alternativen? Gibt es nicht!
Manchmal stimmt’s. Wenn der Blinddarm entzündet ist, muss er raus. Aber: Stimmt die Diagnose? Und die notwendige Therapie? Nicht alles, was in der Leistengegend zwickt, ist Folge einer Entzündung im Unterbauch. Wann ist was dran? Und wer kann was?
Unter Medizinstudenten kursiert der Witz: Was ist der Unterschied zwischen einem Internisten, einem Chirurgen, einem Psychiater und einem Pathologen? Der Internist weiß alles – kann aber nix. Der Chirurg weiß nix – kann aber alles. Der Psychiater weiß und kann nix – hat aber für alles Verständnis. Der Pathologe weiß alles, kann alles – kommt aber immer zu spät.
Und Pfarrer? Oder Geschäftsleute? Christenmenschen überhaupt? Wer weiß was? Kann was? Was ist wann dran: Zupacken oder zaudern? Abwarten oder agieren?
Entscheidungen müssen gefällt werden. Religionen sagt man nach, sie wären auf diesem Gebiet besonders fit. Sie präsentieren Gebote, Werte, Vorschriften. Es steht geschrieben: Du sollst, du darfst nicht, und so weiter. Der Glaube markiert die Richtung. Er bewahrt, was sich bewährt hat.
Worauf legt er einen fest? Wo bleibt er offen: Für Neues? Ungewohntes? Anderes? Wann hindert und wo fördert er notwendige Veränderungen?
Religionen bewahren nicht nur. Sie stellen das Gewohnte auch in Frage. Unterbrechen. Es muss nicht alles bleiben, wie es ist. Der Glaube lädt ein zu Besinnung und Umkehr.
„Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ So sammelt Jesus seine Jünger. Begeistert sie. Bewegt. Stößt vieles an. Und erntet Widerspruch. Kritik. Tradierte Totschlagargumente: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Oder: „Noch nie.“ Und: „Da könnte ja jeder kommen.“
Jesus sagt: Gottes Reich ist nahe. Näher als ihr für möglich haltet. Und daran kann man es erkennen: Blinde sehen. Taube hören. Jeder kommt zu seinem Recht. Darf leben. Umkehren. Etwas anders machen. Glücklich werden. Und sein Glück mit anderen teilen.
Zu blauäugig? „Bußrufe sind Verlockungen zu einem Leben, das noch aussteht und noch nicht versucht wurde,“ hat Fulbert Steffensky einmal formuliert.
Visionen bilden immer mehr ab als das, was möglich ist. Sie übertreiben. Doch wenn etwas davon zündet, spornt es an. Inspiriert und lockt. Entfaltet seine Kraft.
Die englische Schriftstellerin Mary Anne Evans hat ihre Romane im 19. Jahrhundert unter sieben verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht. Unter dem Decknamen George Eliot hat sie es zu Weltruhm gebracht und die „Anti-Tina“-Perspektive formuliert: „Es ist nie zu spät, so zu sein, wie man gerne gewesen wäre.“
Herzliche Grüße
[Ihr Pfarrer Hans-Martin Köbler]